Freitags im Blätterwald 18

Links und Zusam­men­fas­sun­gen zu inter­es­san­ten Artikeln in diversen Onlinezeitungen.

"War­rior in Chief" — NYT

Peter L. Bergen wun­dert sich angesichts der fak­tis­chen Außen­poli­tik Obamas, die nicht vor der Anwen­dung mil­itärischer Gewalt zur Durch­set­zung von Zielen zurückschreckt, warum dem US-Präsidenten von rechter Seite vorge­wor­fen wird, zu zaghaft ("soft", "doveish") zu sein, während von linker Seite prak­tisch kein­er­lei Kritik laut wird, den Frieden­sno­bel­preisträger Obama zur Ein­hal­tung der Men­schen­rechte und des inter­na­tionalen Rechts anzuhalten.

"Impe­ri­al­ism didn't end. These days it's known as inter­na­tional law" — The Guardian

George Mon­biot nimmt das Urteil des Inter­na­tionalen Strafgericht­shofs (ICC) gegen Charles Taylor zum Anlass, darauf hinzuweisen, dass das inter­na­tionale Recht durch dop­pelte Stan­dards verz­errt ist — Beispiel: Irak-Krieg — und inter­na­tionale Insti­tu­tio­nen — Beispiel: Inter­na­tionaler Währungs­fonds (IMF) — eine überkommene Imbal­ance zugun­sten Europas und der USA widerspiegeln.

"Pio­neer of global peace stud­ies hints at link between Norway mas­sacre and Mossad" — Haaretz

Der bekan­nte Friedens­forscher Johan Gal­tung fällt mit selt­samen Hypothe­sen zu einer möglichen Verbindung zwis­chen Anders Breivik und dem israelis­chen Geheim­di­enst Mossad auf. Außer­dem emp­fiehlt er die Lek­türe der "Pro­tokolle der Weisen von Zion"1 , die er nicht zweifels­frei als anti­semi­tisch motivierte Fälschung zu iden­ti­fizieren vermag.

"Israel's former Shin Bet chief: I have no con­fi­dence in Netanyahu, Barak" — Haaretz

Yuval Diskin, der ehe­ma­lige Chef des israelis­chen Geheim­di­en­stes Schin Bet, mischt sich — ähn­lich wie zuvor sein Kol­lege Meir Dagan, Ex-Chef des Mossad – in die Kon­tro­verse über einen möglichen Mil­itärschlag gegen das iranis­che Atom­pro­gramm ein. Er traut der Regierung Netanyahu nicht, da diese von "mes­sian­isch" beseel­ten Poli­tik­ern dominiert wird, die kein Gespür für Realpoli­tik haben. Ein mil­itärisches Vorge­hen gegen den Iran hätte nicht die Auf­gabe des Atom­pro­gramms zur Folge, son­dern dessen Beschle­u­ni­gung und den Aus­bruch eines regionalen Krieges. Außer­dem beklagt er den steigen­den Ras­sis­mus gegenüber Arabern in Israel.

"Col­laps­ing Afghanistan & Pak­istan Refuse to Coop­er­ate with Obama Photo Op" — Informed Com­ment

Juan Cole blickt auf seinem Blog hinter die Kulis­sen des geheimen Kurzbe­suchs Obamas in Afghanistan und stellt dem außen­poli­tis­chen "Erfolg" der Tötung Osama bin Ladens vor einem Jahr eine Liste von Grün­den gegenüber, die das Bild des über zehn Jahre dauern­den Krieges in viel dun­kleren Farben malt.

"Sinnlose Grund­satzde­bat­ten in Kairo" – DIE ZEIT Online

Tariq Ramadan rät den neu an die Macht gekomme­nen islamistis­chen Parteien im Nahen Osten, die Türkei nicht unumwun­den als Beispiel für die zukün­ftige Entwick­lung ihrer eige­nen Länder zu sehen. Die türkische AKP gilt zwar als eine erfol­gre­iche gemäßigt islamistis­che Partei, aber ihre wirtschaftliche Aus­rich­tung ist dur­chaus lib­eral, was einen gewis­sen Bruch zum ursprünglichen Anspruch islamistis­cher Bewe­gun­gen des 20. Jahrhun­derts darstellt. Statt über individual-moralische Aspekte zu stre­iten, soll­ten sich Islamis­ten im Nahen Osten der wirk­lich bren­nen­den Fragen nach struk­tureller wirtschaft­spoli­tis­cher Entwick­lung und Gerechtigkeit annehmen.

"Wir sind Europa: Man­i­fest zur Neu­grün­dung der EU von unten." — DIE ZEIT Online

Eine ganze Reihe von namhaften Wis­senschaftern, Poli­tik­ern und Kul­turschaf­fenden unterze­ich­neten ein pro-europäisches Man­i­fest, in dem gefordert wird, ein "Frei­williges Europäis­ches Jahr" für alle zu stiften. Europa befindet sich gegen­wär­tig nicht nur in einer Schuldenkrise, son­dern auch in einer poli­tis­chen Krise. Die EU droht zu einem reinen Eliten­pro­jekt zu werden, einem "Europa ohne Europäer". Daher sollen alle EU-Bürger — beson­ders die jungen — die Möglichkeit haben, ein Jahr in irgen­deinem EU-Land zu arbeiten; auf diese Weise, hoffen die Unterze­ich­ner, könnte eine wirk­lich transna­tionale europäis­che Zivilge­sellschaft entste­hen, die eine neue Entwick­lungs­dy­namik inner­halb der Europäis­chen Union in Gang setzen würde.

"Feld­forschung in der Ban­lieue" — NZZ Online

In einem Inter­view erk­lärt der Sozi­ologe Gilles Kepel, der gerade eine neue detail­re­iche Feld­studie über die Pariser Ban­lieues vorgelegt hat, dass der Atten­täter Merah als ein Extrem­beispiel des bre­it­eren Desin­te­gra­tionsprozesses der heuti­gen franzö­sis­chen Gesellschaft gese­hen werden kann. Teile der heuti­gen Gen­er­a­tion franzö­sis­cher Mus­lime suchen auf­grund fehlen­der beru­flicher und sozialer Chan­cen nach einer Selb­st­bestä­ti­gung in einer "reinen" islamis­chen Iden­tität. Die Ver­satzstücke zur Kon­struk­tion dieses Selb­stver­ständ­nisses finden sie meist in der Vir­tu­al­ität des Inter­nets. Die Poli­tik hat es in den Jahren seit 2005, als es in den franzö­sis­chen Vorstadt­ghet­tos zu Unruhen gekom­men war, ver­ab­säumt, neben den wohn­baulichen Maß­nah­men auch "in die Men­schen zu investieren". Er fordert, dass die Erziehungspoli­tik sich das Ziel steckt, beson­ders den jungen Män­nern in den Vorstädten die nöti­gen Kom­pe­ten­zen zu ver­mit­teln, die sie für eine Beruf­s­lauf­bahn benöti­gen, um so die zu beobach­t­ende Abkehr von der repub­likanis­chen Gesellschaft zu stoppen.

  1. Für einen kurzen Überblick zur Entste­hungs­geschichte vgl. Umberto Eco, "Eine Fik­tion, die zum Alb­traum wird. Die Pro­tokolle der Weisen von Zion und ihre Entste­hung", FAZ, 02.07.1994, Nr. 151, S. B2 []