Ein Komplex unserer Gesellschaft: Xenophobie war gestern, heute ist man islamophob

Gegen Kom­plex­ität kann man nicht protestieren. Um protestieren zu können, muss man deshalb die Ver­hält­nisse plattschla­gen. Dazu dienen Schemata und vor allem die Skripts, die sich in der öffentlichen Mei­n­ung mit Hilfe der Massen­me­dien durch­set­zen lassen. Vor allem kurzge­grif­f­ene Kausalat­tri­bu­tio­nen, die den Blick auf bes­timmte Wirkun­gen lenken, haben eine Alarmier­funk­tion und machen auf bedro­hte Werte und Inter­essen aufmerk­sam.
— Niklas Luhmann

Ja, die Welt wird kom­plexer. Es gibt zahlre­iche Bruch­lin­ien in den west­lichen Gesellschaften. Neben den klas­sis­chen Fragen der sozioökonomis­chen Gerechtigkeit gibt es auch Kon­tro­ver­sen um zen­trale gesellschaftliche Werte.

Dabei ist die am deut­lich­sten wahrnehm­bare Diskus­sion die über das Zusam­men­leben ver­schiedener eth­nis­cher und religiöser Grup­pen in der Gesellschaft. In dieser Debatte nimmt seit mit­tler­weile einem Jahrzehnt, aus­ge­hend von den Ter­ro­ran­schlä­gen des 11. Sep­tem­bers 2001, das Kapi­tel "Islam im Westen" eine zen­trale Stel­lung ein.

Das schlimme ist nur, dass gerade diese Auseinan­der­set­zung so weit ent­fernt ist von einer gedachten ide­alen Sprech­si­t­u­a­tion, in der nur die besseren Argu­mente zählen soll­ten, dass der Bogen dessen, was eine demokratis­che Gespräch­skul­tur verträgt, oft überspannt ist. Dann wird auch die pos­i­tive Kon­no­ta­tion in Luh­manns Zitat ungültig; dann ver­wan­delt sich Protest in Hetzerei.

In Öster­re­ich hat die poli­tis­che Kultur gerade wieder einmal einen neuen Nullpunkt erre­icht. Im laufenden Wiener Wahlkampf wirbt die FPÖ mit einem Plakat, das das "Wiener Blut" preist und vor "zu viel Frem­dem", das nie­man­dem gut tue, warnt. Vielle­icht ist dies gerade deswe­gen so schreck­lich, weil man sich manch­mal dabei ertappt, dass man sich an solche Sprüche schon fast gewöhnt hat.

Doch das von der FPÖ-Steiermark — eben­falls ihm Wahlkampf — online gestellte "Spiel" "Moschee baba" über­schre­itet ein­deutig jede Grenze des ethis­chen Empfind­ens. Das Ziel des Spieles ist es, aus der Grazer Sky­line wach­sende Minarette und von ihnen herab rufende Muezzine mith­ilfe eines Fadenkreuz ähn­lichen Such­ers "abzuschießen".

Ver­schieden­ste poli­tis­che Akteure haben diese (Un-)Art der Wahlwer­bung und Stim­mungs­mache verurteilt und auch die Staat­san­waltschaft ermit­telt wegen Ver­dachts der Ver­het­zung und Her­ab­würdi­gung religiöser Lehren.

Update: Mit­tler­weile wurde das "Spiel" von der Inter­net­seite der FPÖ genom­men (Zensur, wie die FPÖ meint), jedoch fand es sich bald auf ein­schlägig recht­sradikalen Inter­net­seiten wieder, von denen es rechtlich, da sich die Server im Aus­land befinden, nicht so ein­fach ent­fernt werden kann (siehe: Katz-und-Maus-Spiel um das Anti-Minarett-Spiel).

In Deutsch­land wird seit Tagen über das neue Buch (Deutsch­land schafft sich ab: Wie wir unser Land aufs Spiel setzen) des alten Pro­voka­teurs Thilo Sar­razin debat­tiert. Viel Energie muss aufge­bracht werden, um eine krude kul­tur­al­is­tis­che Vererbungslehre zu entkräften, die an längst in der Versenkung der Geschichte geglaubte The­o­rien erinnert.

Auch in den USA wird heftig gestrit­ten um ein Pro­jekt zum Bau eines islamis­chen Zen­trums (Park 51) in Lower Man­hat­ten in New York City ein paar Straßen­züge von Ground Zero entfernt.

Ich will das hier nicht weiter aus­führen, jeder kann sich selbst von den gegen­wär­ti­gen Auseinan­der­set­zun­gen ein Bild machen. Ich möchte allerd­ings auf zwei gemein­same Ten­den­zen in den Argu­men­ta­tion­slin­ien hinweisen:

-Essen­tial­isierung: es wird immer wieder ver­sucht, dem Islam als solchen einen inhärenten Wesen­szug zuzuschreiben, der zwangsläu­fig zu extremen Posi­tio­nen und Mil­i­tanz führt.

-Kollek­tivierung: Gewalt­taten von mil­i­tan­ten Islamis­ten werden auf die ganze Gruppe der Mus­lime pro­jiziert und Pars pro Toto alle als poten­tielle Ter­ror­is­ten verdächtigt.

Um ratio­nalen Argu­menten wieder den Vorzug vor irra­tionalen Emo­tion­al­isierun­gen zu geben und dem "Plattschla­gen" der Ver­hält­nisse ent­ge­gen­zuwirken, sollte man neben vielen Büch­ern :) etwa die Stel­lung­nah­men von sechs namhaften Intellek­tuellen im Wall Street Jour­nal (A Sym­po­sium: What Is Mod­er­ate Islam?) zur Frage, was ein mod­er­ater Islam ist, lesen.


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