Eine Farce auf der Bühne eines großen historischen Ereignisses: Glenn Becks "Restoring Honor" Rally

Ich habe Glenn Becks Ver­anstal­tung "Restor­ing Honor Rally" auf C-Span mitver­folgt und möchte meine Ein­drücke schildern.
Glenn Beck eröffnet die Ver­anstal­tung mit einem pathetis­chen Appell an die tausenden Zuschauer. Er meint, alle Amerikaner müssten sich fragen, wo denn die neuen George Wash­ing­tons und Abra­ham Lin­colns seien und er ver­fällt sogle­ich in einen wein­er­lichen Ton.
Doch zuerst, meint Beck, muss gemein­sam gebetet werden. Ein christlicher Predi­ger tritt auf und hält eine lei­den­schaftliche Rede mit dem Tenor: One Nation under a (of course Chris­t­ian) God. Der Rabbi und das nett gek­lei­dete Indi­anere­hep­aar, die mit ihm auf die Bühne gekom­men waren, stehen im Hin­ter­grund, ohne auch nur ein Wort von sich zu geben.
Glenn Beck holt als näch­stes nicht "irgen­deinen Poli­tiker, der für irgen­dein Amt kan­di­diert oder irgend­je­mand vom Mil­itär" auf die Bühne, nein, eine ein­fache "Mom" soll es sein. Das Stich­wort ist gefallen: damit kann nur Sarah Palin gemeint sein, die sogle­ich hoch motiviert ans Mikrophon geeilt kommt. Sie beginnt drama­tis­chste Geschichten zu erzählen, von Sol­daten ihn Gefechten, die sie fast das Leben gekostet haben, ohne jeden größeren Bezug, warum und wofür mit welchen Aus­sichten man eigentlich Krieg führt.
Als näch­stes kündigt Beck die Ver­lei­hung von Orden für ver­di­en­stvolle Zivilis­ten an. Der erste Orden wird selb­stver­ständlich vergeben für: Glauben. Eine Videose­quenz wird einge­spielt: "(…) we must find the faith again that once guided us (…)". Sodann hält ein Native-American die Lau­da­tio auf den ersten Preisträger Rev. C. L. Jack­son und wün­scht sich sogle­ich noch ("I have a dream also (…)"), dass doch alle Indi­an­er­stämme aus ihren Reser­vaten kommen und Jesus Chris­tus als ihren Retter anerken­nen mögen.
Die zweite Medaille, dies­mal in der Kat­e­gorie "Hope", geht an einen mir unbekan­nten Baseball-Star. Seine nicht gerade über­raschende Botschaft: Glaubt an Jesus Chris­tus! Dann wird alles gut.
Die näch­ste Ehrung für Charity-Engagement geht an einen weit­eren mir unbekan­nten, sicher­lich hon­ori­gen Kämpfer gegen Krebs.
Nach ein paar swin­gen­den Musikein­la­gen spricht Alveda King, die Nichte von Rev. Martin Luther King. Jetzt wird es das erste Mal inter­es­sant. Sie beschw­ert sich darüber, dass der von ihrem Onkel damals einge­forderte, unein­gelöste Scheck noch immer nicht ein­gelöst sei. Im Gegen­teil: Amerika sei in Bezug auf die Rassen­frage fast bankrott. Sie wech­selt dann aber doch zu ihrem eigentlichen Thema, der dro­hen­den Zer­störung der tra­di­tionellen Familienstruktur.
Und nun wieder Beck mit ein paar mehr Krokodil­strä­nen und einer äußerst lang­weili­gen Abschlussrede, in der er alle mögliche amerikanis­chen Tugen­den und Ideale auf eine ange­blich gemein­same christliche Basis zurück­führt. Daneben trägt er Vere­ini­gungsrhetorik genauso wie Appelle an die Beherztheit der Einzel­nen vor. Ich kann nur mehr schwer folgen, da seine Rede etwas konfus wirkt und er eigentlich nur mehr All­ge­mein­plätze und Leer­formeln her­vor­bringt. Ich kann mich des Ein­druckes nicht erwehren, dass der Mann etwas ver­wirrt ist, was durch seine immer wieder kurz ein­brechende, wein­er­liche Stimme noch ver­stärkt wird.

Mein Fazit:
Marx hat einmal geschrieben, dass Hegel irgendwo bemerkt habe, dass sich alle großen welt­geschichtlichen Tat­sachen und Per­so­nen sozusagen zweimal ereignen: das eine Mal als große Tragödie, das andere Mal als lumpige Farce. Das ist wohl die For­mulierung, die am besten zu dem passt, was sich heute 47 Jahre nach der "I have a dream"-Rede von Rev. Martin Luther King Jr. am Lin­coln Memo­r­ial abge­spielt hat. Denn wenn Glenn Beck sich das Män­telchen der großen Geschichte der amerikanis­chen Bürg­er­rechts­be­we­gung umhängt und seine Ver­anstal­tung damit in deren direkte Nach­folge stellt, so kann man das wohl nur als Farce beze­ich­nen. Für King war der Glaube noch die Basis seines Grund­ver­trauens, dass sich die Umstände auf der Welt zum Besseren ändern lassen. Für Beck scheint der Glaube das einzige Erstrebenswerte zu sein; wenn nur alle Men­schen in Amerika Jesus Chris­tus als ihren Retter annäh­men, dann würde sich alles wie von selbst zum Guten wenden. Kurz um kann ich nur sagen: Glenn Beck hat nicht gel­o­gen, als er im Vor­feld behauptete, dass die Ver­samm­lung keine "parteipoli­tis­che" Ver­anstal­tung werden würde. Es war ein riesiger, öffentlicher Gottes­di­enst gepaart mit nationaler Helden­verehrung und dem ener­gis­chen Aufruf, den Geist der USA zu erneuern; natür­lich im Sinne der kon­ser­v­a­tiven "reli­gious right".

Update:
Ein Artikel in der Wash­ing­ton Post (Civil rights' new 'owner': Glenn Beck) zeigt, wie Glenn Beck die Deu­tung­shoheit über das Erbe der amerikanis­chen Bürg­er­rechts­be­we­gung beansprucht. Vom Autor Dana Mil­bank erscheint am 5. Okto­ber ein Buch über Beck (Tears of a Clown: Glenn Beck and the Tea Bag­ging of Amer­ica).

Grasstopsters: die Geldgeber im Hintergrund der Tea Party

Wer sich ein wenig mit der Innen­poli­tik der USA beschäftigt, der kennt die soge­nan­nte Tea Party Bewe­gung, die sich seit ger­aumer Zeit durch laut­starke Proteste und schrille Per­sön­lichkeiten (z. B. Sarah Palin, Glenn Beck) in ihrem Umkreis bemerk­bar macht. Dabei han­delt es sich um eine breite, inho­mo­gene Koali­tion von amerikanis­chen Bürg­ern, die eines eint: eine tiefe Unzufrieden­heit mit der Poli­tik der Obama Admin­is­tra­tion. Anson­sten vere­int sich hier eine große Band­bre­ite von Ein­stel­lun­gen. Sie reicht von ent­täuschten Kon­ser­v­a­tiven, für die die meis­ten Repub­likaner zu lib­eral gewor­den sind (z. B. John McCain, der jedoch im gerade laufenden Wahlkampf ver­sucht dieses Image durch einen Recht­sruck loszuw­er­den), über Lib­ertäre, die einen grund­soli­den Anti-Steuerstaats-Fetischismus pfle­gen, bis hin zu Ras­sis­ten, die noch immer nicht ertra­gen können, einen far­bigen (nur am Rande sei erwähnt, dass anscheinend immer mehr Men­schen in den USA glauben, Obama sei ein Muslim) Präsi­den­ten zu haben.

Auf den ersten Blick scheint es, als ob es sich bei der ganzen Sache um eine Graswurzel­be­we­gung han­delt; also eine poli­tis­che Organ­i­sa­tions­form, die an der Basis der Gesellschaft her­an­wächst und sich mit gewis­sen Anliegen gegen das Estab­lish­ment stellt. Doch auf den zweiten Blick erweist sich die Tea Party Bewe­gung nur als ein weit­erer Mosaik­stein eines länger­fristi­gen Trends in der poli­tis­chen Land­schaft der USA. "In this present crisis, gov­ern­ment is not the solu­tion to our prob­lem; gov­ern­ment is the prob­lem." Bei diesem Satz Ronald Rea­gans, mit dem er am Beginn seiner Präsi­dentschaft die nach ihm benan­nte "Reagan Rev­o­lu­tion" ein­läutete, könnte man etwa den Beginn dieser Entwick­lung anset­zen. Die heutige Tea Party Bewe­gung ist also auch das Kind einer über drei Dekaden hinweg behar­rlich ver­bre­it­eten anti-gouvernementalen Rhetorik.

Betra­chtet man dieses Phänomen noch etwas genauer, so fällt auf, wie viel Geld für die Ver­bre­itung solcher "Rhetorik" aus­gegeben wird. Man stößt dann auf Namen wie Charles G. und David H. Koch, die Eigen­tümer des zweit­größten in Pri­vatbe­sitz befind­lichen Unternehmen­skon­glom­er­ats (Koch Indus­tries) der USA. Die beiden Brüder unter­stützen schon seit Jahrzehn­ten mit Mil­lio­nen­be­trä­gen aus der eige­nen Tasche anti-etatistisch ori­en­tierte Poli­tiker, PACs (polit­i­cal action com­mit­tees) und Think Tanks. In einem sehr guten Artikel in dem Mag­a­zin The New Yorker (Covert Oper­a­tions, The bil­lion­aire broth­ers who are waging a war against Obama) beschreibt Jane Mayer aus­führlich das finanzkräftige Engage­ment der beiden Brüder, das auf Bee­in­flus­sung der poli­tis­chen Land­schaft der USA in ihrem Sinne abzielt. Es zeigt sich, dass mit hoher Wahrschein­lichkeit ohne den steti­gen "gärt­ner­ischen" Ein­satz solcher "Grasstop­ers" wie den Kochs eine "Grassroot"-Bewegung wie die Tea Party Bewe­gung kaum existieren würde.

Das näch­ste Kapi­tel der Tea Party Geschichte wird übri­gens heute am 28. August aufgeschla­gen, denn Glenn Beck hat gerade den Jahrestag der berühmten "I have a dream"-Rede von Martin Luther King aus­gewählt, um eine Ver­anstal­tung an eben der Stelle am Lin­coln Memo­r­ial in Wash­ing­ton D.C. abzuhal­ten (auch wenn Beck offiziell meint, es handle sich dabei um keinen Protest der Tea Party).

Update:
In einem Op-ed Artikel von Frank Rich in der New York Times (The Bil­lion­aires Bankrolling the Tea Party) finden sich einige weit­ere Infor­ma­tio­nen zu dem Thema der großen Geldge­ber für die recht­skon­ser­v­a­tive Strö­mung in den USA. Unter anderem geht er auf die Reak­tio­nen seit­ens der Kochs und der mit ihnen weltan­schaulich in einer Linie befind­lichen Kom­men­ta­toren ein. Auch zu Rupert Mur­dochs Engage­ment im All­ge­meinen und FOX News und die "Ground Zero Mosque"-Kontroverse (Park51) im Beson­deren finden sich einige inter­es­sante Hinweise.

Update 2:
Einige weit­ere Beispiele für finanzkräftige "Grasstop­sters": Tea Party's Big Money