Neue Medien und sozialen Netzwerke haben unser gesellschaftliches Leben in den letzten Jahren stark verändert. Davon bleibt auch die Sphäre der Politik nicht verschont, wie man gerade in Ägypten sehen kann.

Am späten Donnerstag Nachmittag des 27. Januar, des Vortages der bisher größten Demonstrationen seit dem die Unruhen am 25. Januar erstmals ausgebrochen  waren, hat das Regime unter Präsident Hosni Mubarak in Ägypten einen einmaligen Schritt in der Geschichte des Internets - oder besser: der leider in einigen Ländern bestehenden “Tradition” der Internetzensur - gesetzt. Sämtliche Internetprovider wurden angewiesen, die sogenannten Routen-Einträge zu löschen, was laienhaft aber auf gut Deutsch als Abschalten des Internets bezeichnet werden kann.

Am 27. Januar kappten Behörden das Internet

Zunächst blieb von dieser Aktion nur der Provider Noor Group verschont, an den unter anderem die Kairoer Börse angeschlossen ist. Doch ab gestern Abend ist auch dieser Provider von den Einschränkungen betroffen. Wir werden sehen, welche Maßnahmen im Vorfeld des für heute angekündigten nächsten großen Zusammentreffens der Regimegegner zum “Marsch der Millionen” sonst noch getroffen werden; höchstwahrscheinlich wird so wie auch letzten Freitag wieder das Mobilfunknetz stark eingeschränkt oder ganz abgedreht.

Man sieht also, welche Energie das Regime darauf verwendet, sämtliche Kommunikationsströme zwischen den Demonstranten und zur Außenwelt zu unterbinden. Das alleine muss schon Hinweis genug sein, um die große, nicht zu unterschätzende Rolle der Neuen Medien und der sozialen Netzwerke in dieser Sache zu erkennen.

Gemeinhin hat es immer Führungspersonen gebraucht, die es durch ihr Charisma, ihr herausragendes Engagement und ihr Organisationstalent vermocht haben, die Massen in langer Überzeugungsarbeit von ihren - mehr oder weniger  hehren - Zielvorstellungen zu überzeugen und dafür zu mobilisieren. In der Reflexion über diese Tatsache hat der Schweizer Historiker Jacob Burckhardt den bekannten Satz ersonnen:

Die Geschichte liebt es bisweilen, sich auf einmal in einem Menschen zu verdichten, welchem hierauf die Welt gehorcht.1

Die Vorgänge, die wir seit ein paar Wochen zuerst in Tunesien und darauf folgend in anderen Ländern Nordafrikas und des Nahen Ostens - vor allen Ägypten - beobachten können, scheinen eine neue Dimension geschichtlicher Entwicklungsprozesse zu offenbaren. Der bisher Großteils führungslose Aufstand, wurde von der arabischen Jugend quasi in der “Cloud” des Internets und Telefonnetzes - bestehend aus Blogeinträgen, Twitter-Nachrichten, Facebook-feeds, SMS-Nachrichten etc. - angefacht und vermittels dieser neuen “Social-Media-Mobilisierung” auf die Straße getragen. In abgewandelter Form des genannten Zitats könnte man also behaupten, dass es die Geschichte mittlerweile liebt, sich auf einmal in einer großen vernetzten Masse von einzelnen “Anführern” zu verdichten. Hier ist “anführen” jedoch nicht zuallererst in der herkömmlichen Bedeutung gemeint, sondern in der von: angeben, benennen, äußern, erwähnen, vorbringen; also einer großen Menge von Menschen, die nicht mehr bloß als Empfänger zentral ausgesandter Nachrichten und mobilisierbares Menschenmaterial dient, sondern in der jeder Einzelne zum Sender und intersubjektiv abgestimmten aber gleichzeitig autonomen Handelnden wird. Der Satz von Burckhardt entspricht demnach eher einem monadischen Subjektbegriff, während diese neue soziale Form eine Umdeutung im Lichte einer kommunikativ konstituierten Vernunft darstellt.

Die Probleme der Neuen Medien sind indes bekannt: die steigende Informationsflut und der Filterung von stichhaltigen Informationen aus dem Hintergrundrauschen in Form von Un- und Halbwahrheiten, glatten Lügen und allerlei Stumpfsinn. Doch es scheint, dass wir lernen immer besser damit umzugehen und sich parallel zu den Neuen Medien eine neue Kompetenz für ihre Rezeption und Benutzung entwickelt. Neben der täglichen - halb freiweilligen, halb unfreiwilligen - Berieselung mit Unmengen von “Trash” über diese neuen Kanäle bleibt eine kleine Nische offen. In ihr besteht die Möglichkeit, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen und zu vernetzen. Dabei spielt vor allem eines eine wichtige Rolle: Gehör zu finden. Es ist leichter geworden, zur Gruppe der Macher von Meinungen zu gehören und diese Erfahrung steigert das Gefühl von Selbstbestimmung und Autonomie. Ist dies möglicherweise ein Gegentrend zur Vereinzelung in fragmentierten, von konsumeristischer Individualität geprägten Gesellschaften? Diese Idee einer neue Agora, eines neuen Mediums der demokratischen Willensbildung begleitet das Internet seit seiner Entstehung. Nun ist diese Idee in gewisser Weise ein Stück Realität geworden.

Man darf jedoch keiner übertriebenen Euphorie anheim fallen und muss ein paar relativierende Überlegungen berücksichtigen. Einerseits ist klar: man man kann daraus natürlich nicht einfach naiv denn Schluss ziehen, dass sich Ägypten im Modus einer basalen digitalen Selbstverwaltung in Form einer Neo-Räterepublik neu konstituieren wird. Es bleibt die Frage, welche Organisationen und freilich auch (Führungs-) Personen sich im Falle eines staatspolitischen Neustarts im Rahmen einer repräsentativen Demokratie profilieren können. Darüber hinaus dürfen selbstverständlich in einer Analyse der auslösenden Momente dieser Unruhen nicht die “klassischen” sozioökonomischen Faktoren wie Armut, hohe (vor allem Jugend-) Arbeitslosigkeit, schlechte Bildungsmöglichkeiten, steigende Lebensmittelpreise und Korruption vergessen werden. Drittens darf die Rolle der “alten” Medien nicht zu gering bewerten werden. In den letzten Tagen hat sich gezeigt, wie wichtig etwa der Fernsehsender Al Jazeera dafür ist, Informationen aus dem Land zu bekommen. Nicht umsonst wurde gestern das Büro des Senders von Polizisten heimgesucht. Vorübergehend  hat man einige Journalisten festgehalten, sie später allerdings wieder auf freien Fuß gesetzt, ihr technisches Equipment dagegen einbehalten. Doch dass der Aufstand in diesen Ausmaßen ausgebrochen und die Chance eines Regmiewechsels zum Greifen nah sind, verdankt sich zum Gutteil der beschriebenen neuen Struktur der medialen Vermittlung in unserer Zeit.

  • Hier ein Artikel auf SpiegelOnline, der sich kritisch mit den überschwänglichen Hoffnungen des revolutionären Potentials des Internets auseinandersetzt.
    Im New Yorker zweifelt Malcolm Gladwell an der Bedeutung der Neuen Medien bei revolutionären Vorgängen.
  • Dieser Artikel auf it-networks.org beschreibt, welche Ideen “Hacktivisten” ausbrüten, um zukünftig Sperren des Internets wie im Falle von Ägypten zu umgehen.
  • Mein Argument, dass soziale Netzwerke der Vereinzelung entgegenwirken, wird durch die Aussage einer jungen Frau aus Jordanien, die die Sache auf den Punkt bringt, in einem Artikel im Guardian bestätigt: “‘Social media is very important,’ said one young Jordanian woman, who didn’t want to give her name. ‘The worlds of dialogue and information you are exposed to are crucial. They are both enriching and enlightening. Most of all, they allow you to find people all over the world that share the same views and opinions, which effectively demonstrates that no man is an island. This is what galvanised these movements we are witnessing today.’”
  1. Burckhardt, Jacob (2009). Weltgeschichtliche Betrachtungen. Wiesbaden: Marixverlag, S. 273.