Hinweis: Unlängst habe ich in den unendlichen Weiten eines Draft-Ordners diesen angefangenen Artikel wiederentdeckt. Er blieb ein Fragment, das ich hier aber trotzdem teilen will.

Unter dem Eindruck der Veröffentlichung von abertausenden Geheimdokumenten in den letzten Monaten wurde viel darüber geschrieben, wie sich das Vorgehen von Wikileaks und Julian Assange, dem Frontmann der losen Organisation, einschätzen lässt. Entgegen der verbreiteten Einschätzung von Wikileaks als neutraler Aufdeckerplattform wird hier argumentiert, dass unter Berücksichtigung der motivierenden Weltanschauung, Wikileaks durchaus als politischer Akteur einzustufen ist. Um diese Behauptung zu Begründen, muss die Genealogie seines Denkens dargelegt werden.

(Il-)Legitimität des Verrats?

Meistens wird die Legitimität (nicht die Legalität!) der bisherigen Veröffentlichungen von Wikileaks wie folgt abgewogen: Gibt es einen Missstand im Staat und verheimlicht diesen eine Regierung, so muss es erlaubt sein, dies aufzudecken. Dagegen benötigt ein Staat, um zu funktionieren, auch eine Sphäre der Diskretion, denn nicht alle politischen Belange können (und daher: sollen) öffentlich ausgehandelt werden.

In die erste Kategorie fällt die Veröffentlichung des sogeannten »Collateral Murder«-Videos. Die Veröffentlichung war ein Public-Relations-Super-GAU für die US-Armee, und niemand außerhalb der US-Administration bzw. des US-Militärs bezweifelt ernsthaft, dass es gerechtfertigt war, dieses Video der Öffentlichkeit zu präsentieren. In die zweite Kategorie fällt für viele Kommentatoren die sukzessive Veröffentlichung von über einer Viertelmillion Depeschen US-amerikanischer Diplomaten (“Cablegate”). Das Hauptargument der Gegner ist, dass in diesem Fall Wikileaks keine konkreten Missstände zutage bringe, sondern nur massenweise und wahllos relativ wenig brisante Dokumente aus dem Netz des  US-amerikanischen diplomatischen Dienstes der ganzen Welt zugänglich mache. Damit werde nur die Arbeit der Diplomaten gestört und desavouiert.

Glaubt man diesem Urteil, dann scheint der neueste Schachzug von Wikileaks  am Ziel, der Rolle einer legitimen Aufdeckerplattform zu entsprechen, vorbei zu laufen. Das ist zwar soweit korrekt gedacht, aber trotzdem falsch, da man dabei von den falschen Prämissen ausgeht. Diametral dazu lautet meine These, dass vielmehr die Aktion “Cablegate” den eigentlich von Wikileaks verfolgten Zweck besser erfüllt als die Veröffentlichung des “Collateral Murder”-Videos. Dieser Schluss ist indes nur dann zu verstehen, wenn man die zugrunde liegende Ideologie und die Selbstsicht von Wikileaks kennt.

Wieder einmal haben viele Kommentatoren Probleme damit, über den Tellerrand der liberalen Ideologie hinaus zu denken. Dieses Denken ist imprägniert durch ein vulgarisiertes Verständnis  vom »Ende der Geschichte«, und kann (oder: will?) es nicht verstehen, dass es nach wie vor politische Akteure gibt, die von anderen Weltanschauungen angetrieben werden. Ich möchte deshalb zuvor in einem ersten Schritt noch einmal etwas genauer auf die herkömmliche, liberale Denkweise eingehen und erst darauf folgend die Weltsicht von Wikileaks, wie sie sich im Denken von Julian Assange offenbart, beschreiben. Dadurch wird der Kontrast der Anschauungsweisen noch deutlicher hervortreten. Dass Assanges Denken repräsentativ für Wikileaks stehen kann ist

Geheimnisverrat aus liberaler Sicht

Gemeinhin wird in einer liberalen Demokratie ein großes Maß an Transparenz staatlicher Entscheidungen verlangt, trotzdem gilt es als systemimmanent, dass ein Staat daneben eine gewisse Sphäre der Geheimhaltung benötigt, um funktionieren zu können. Die Grenze dieser Sphäre muss dort gezogen werden, wo man vernünftigerweise noch von einer funktionalistischen Notwendigkeit, aber noch nicht von einer paternalistischen Bevormundung, wenn nicht sogar krimineller bzw. verfassungswidriger Vertuschung, sprechen kann. Wo diese Grenze liegt und wer sie in welchem Modus festlegt, ist einer der Indikatoren, an denen wir festmachen können, ob es sich in einem konkreten Fall um einen liberalen oder einen autoritären/totalitären Staat handelt.

Denkt man diesen liberalen Ansatz weiter, so wird klar, dass Geheimnisverrat dann legitim ist, wenn er die Funktion eines Korrektivs in dem beschriebenen Zusammenhang erfüllt. Gibt es einen Missbrauch der notwendigen Geheimhaltung seitens der Regierung, muss es in einem solchen Fall erlaubt sein, die Öffentlichkeit darüber in Kenntnis zu setzen, um eine Art “Selbstheilungsprozess” des liberalen Systems in Gang zu setzen. Missstände müssen aufgedeckt werden, um sie beseitigen zu können.

Diese Überlegung steht hinter der oft verwendeten Bezeichnung der Presse / Medien als “vierte Gewalt”. Die Legitimität in einem liberal-demokratischen System wird dieser Auffassung zufolge eben nicht nur durch die Gewaltenteilung (“Checks and Balances”) zwischen gesetzgebender, ausführender und richterlicher Gewalt (Legislative, Exekutive, Judikative) und demokratischer Mitbestimmung wie z. B. Wahlen erzeugt, sondern wesentlich auch durch das Vorhandensein freier Presseorgane. Denn sie sind sozusagen das Skelett, das die politische Öffentlichkeit in einer  liberalen Demokratie trägt; die institutionalisierte Form der Meinungsfreiheit.  Das ist das Credo des poltischen Journalismus, und aus diesem Blickwinkel beurteilen die meisten Kommentatoren das Vorgehen von Wikileaks. (Wie oben festgestellt müssen wir jedoch das Handeln von Wikileaks durch eine andere gesellschaftstheoretische Brille sehen.)

Frühe Hacker und freie Software

Assanges Denken entstammt dem Umfeld der technischen Elite des Computerzeitalters, der Subkultur der Hacker. Dort finden sich der Keim einer Ideologie, von dem Wikileaks eine der mittlerweile herangewachsenen Knospen ist. Als “Hacker” bezeichneten sich die Studenten an den technischen Hochschulen der USA (wie MIT, Stanford, Berkley), meistens Elektrotechniker, die sich früh mit der neuen Computertechnologie beschäftigten und zu den Pionieren der Softwareentwicklung wurden. Heute versteht man unter dem Begriff landläufig eine Person, die sich widerrechtlich Zugriff auf Computernetzwerke verschafft. Eigentlich bezeichnet der Begriff allerdings jemanden, der eine schlaue und effiziente Lösung eines schwierigen technischen Problems, einen “Hack”, ersinnt.

Im Jahr 1984 veröffentlichte Steven Levy das Buch Hackers: Heroes of the Computer Revolution, das die Entwicklung der entstehenden Computerszene dokumentierte. Levy listete darin zum ersten Mal den Verhaltenskodex der Hacker, die sogenannte Hackerethik auf. Eine der sieben Maximen lautete: “All information should be free.” Eine andere: “Mistrust authority—promote decentralization.” Obwohl diese Maximen sich eher auf die Bedingungen freier Softwareentwicklung bezogen, sich also auf die Prinzipien der akademischen Freiheit stützten, war im Kern schon die Affinität zu politischen Haltungen, nämlich zum Libertarismus bzw. Anarchismus, angelegt, wie sie sich später deutlicher zeigen wird.

Diese Urgemeinde der Softwareentwickler spaltete sich aber bald darauf in zwei Lager auf. Die eine Seite erkannte für sich, dass die Entwicklung nur vorangehen könnte, wenn man Software als kommerzielles Produkt begreift, dessen Verkauf die Entwicklungskosten und die Kosten neuer Innovationen abdeckt. Zu diesem Zweck war es notwendig Software zukünftig durch Firmengeheimnisse, Patente und Urheberrechte zu schützen. Das andere Lager hielt an den alten Grundsätzen fest und glaubte, gute Software ließe langfristig gesehen besser durch ein freies Kollektiv von Programmieren schaffen. Sie traten für kostenlose Software, die Offenlegung von Programmquellcodes und die Schaffung neuer, offener Formen der Lizenzierung (z. B. die General Public License des von Richard Stallman gegründeten GNU-Projekts) ein. Die Freie-Software-Szene trug das Banner der Informationsfreiheit weiter, allerdings immer noch in einer nur implizit politischen Form.

Die neue Technologie und die Neue Linke

Die Politisierung eines Teils der aus den Laboren der Universitäten entstandenen Computerszene kam aus einer anderen Lebenswelt, nämlich aus der Hippie-Bewegung. Ein weiterer Grundsatz der Hackerethik besagte, dass Computer das eigene Leben und die gesamte Welt verbessern können. Darin äußerte sich eine grundsätzlich optimistische Sichtweise der technologischen Entwicklung. Davon fühlte sich die Gruppe der Neuen Linken bzw. der Hippie-Bewegung, die technologischen Neuerungen aufgeschlossen gegenüber stand, angezogen, und aus einer Verbindung mit der frühen Computerszene entwickelte sich ein politischer Techno-Utopismus.

Die Theorie war, dass durch die Veränderung der Kommunikationsbeziehungen zwischen den Menschen mithilfe der Computertechnologie eine neue, bessere Welt entstehen würde. Stark beeinflusst von den Ideen des berühmten Medientheoretikers Marshall McLuhan glaubten viele Technophile daran, dass die zunehmende Konvergenz von Medien, Computern und Telekommunikation eine “elektronische Agora”, einen virtuellen basisdemokratischen Versammlungsplatz hervor brächte, und sich die Menschen vermittels dieses neuen Mediums immer weiter von der Macht der alten Autoritäten emanzipierten. Diese Entwicklung hielten sie für unabwendbar. Und da die technische Entwicklung an sich den politischen Endzustand determiniert, bedürfe es nicht einmal einer potentiell blutigen, “klassischen” Revolution (“technischer Determinismus”).

Doch diese Verbindung von Technikgläubigkeit und anti-autoritärem, nach Selbstverwirklichung strebendem Lebensstil entwickelte sich weiter zu jener Haltung, die Richard Barbrook und Andy Cameron 1995 als “kalifornische Ideologie” beschrieben und kritisierten. Sie war der psychologische Motor hinter dem “Dott.Com-Boom” der 1990er Jahre und zeichnete sich dadurch aus, dass

In einer “fundamentalistischen” Form fand dieser Wunsch nach Emanzipation Ausdruck in den Ideen von Techno-Utopisten, Extropianern, Transhumanisten und anderen Anhängern post-humanistischer Vorstellungswelten. Für sie geht der Versuch, politische Herrschaftsverhältnisse aufzulösen, nicht weit genug. Ihr Ziel ist vielmehr, die in ihren Augen konstitutive materielle Beschränktheit des Homo sapiens mithilfe der Technik zu transzendieren, zu verbessern, vielleicht sogar die Unsterblichkeit zu erreichen; also den von der Natur des biologischen Leibes unterdrückten Geist endlich zu befreien.

Doch nicht alle…

ToDo:

  • cyberpunk dystopie überwachung
  • erster crackdown gegen hacker
  • hackers manifesto
  • “declaration of independence of cyberspace”
  • verbreitung des zugangs zu computernetzwerken
  • cypherpunks (verschlüsselung): privates gheim, öffentliches öffentlich; extreme: schwarzmarkt, z.b. tötung; cypherpunk mailinglist; cryptoanarchist manifesto
  • julian assange; sein blog iq.org (interesting questions); ideen in “conspiracy as governance”; entstehung von wikileaks …