Die Eröffnungsrede der diesjährigen Sommerfestspiele in Salzburg hätte eigentlich Jean Ziegler halten sollen. Es kam dann aber doch anders, und so stand schlussendlich Joachim Gauck auf dem Podium der Felsenreitschule.

Dem vorausgegangen war eine Kontroverse über die Ausladung von Jean Ziegler, dem ein Naheverhältnis zum libyschen Machthaber Muammar al-Gaddafi nachgesagt wird, was angesichts der gegenwärtigen Entwicklungen in Libyen Ziegler für die Festspielleitung zu einer Persona ingrata machte. Wer sich darüber ein Bild machen will, der/die kann sich bei Perlentaucher, UNWatch.org, NZZ, NZZ_, Süddeutsche, _Blick.ch informieren. Ziegler wäre nicht der erste Intellektuelle, der sich als useful idiot vor den PR-Karren eines Regimes hätte spannen lassen. Es geht mir hier jedoch nicht darum, was von dieser Vorgangsweise und den Anschuldigungen gegen Ziegler zu halten ist. Aber ich glaube nicht, dass die im Raum stehenden möglichen Verfehlungen Zieglers es rechtfertigen würden, ihn einfach zu ignorieren.

Der Punkt, den ich hier herausstreichen will, ist, dass wir im Endeffekt, salopp gesagt, “zwei Reden zum Preis von einer” bekommen haben. Während Gauck in Salzburg am Ende seiner Eröffnungsansprache im Hinblick auf den Terror in Norwegen vor überzogenen Reaktionen der Sicherheitspolitiker warnte (vgl. E-Mail an Mikl-Leitner et al.), hielt Ziegler seine mit Kapitalismuskritik gespickte Rede nämlich trotzdem und zwar auf dem virtuellen Podium namens Youtube. Als Protestaktion wurde der Text auch vor dem Eingang der Festspielstätte verteilt, und darüber hinaus ist er sogar als kleines Büchlein erhältlich - was mir persönlich etwas übertrieben vorkommt; aber gut, zusammen mit Stephan Hessels “Empört Euch!” wäre es durchaus als nicht allzu “schwere” Sommerlektüre zu empfehlen.

Wahrscheinlich haben die vorangegangene Ausladung und die folgende Kontroverse die mediale Aufmerksamkeit noch gesteigert - ein Phänomen, das heutzutage als “Streisand-Effekt” bekannt ist. Ich hoffe, dass dies den Argumenten der beiden Redner nützt. Auf dass sie möglicherweise eine größere Hörer- bzw. Leserschaft erreichen als ohne die vorangegangene Kontroverse; denn wer würde sich, ehrlich gesagt, sonst wirklich für die Eröffnungsrede der Salzburger Festspiele interessieren?

Hier also die Links zu den Manuskripten der beiden Reden:

Zieglers Rede steht auch als Video zur Verfügung: