Osama bin Laden ist tot. Die USA und ihre Verbündeten feiern dies als einen Triumph im “Krieg gegen den Terror”. Statt zu jubilieren, sollte aber besser nachgedacht werden. Denn die Probleme von gestern sind auch heute noch da; daran ändert der Tod eines Menschen nichts.

Operation “Geronimo”

Am späten Abend des 1. Mai, um 23:30 Washingtoner Ortszeit, gab US-Präsident Obama in einer Fernsehansprache den Tod von Osama bin Laden bekannt. Letzten August habe es erste Informationen zum Aufenthaltsort von bin Laden gegeben. Nachdem man den Hinweisen nachgegangen war, autorisierte Obama letzte Woche eine gezielte militärische Operation. Am frühen Morgen des 2. Mai (Ortszeit Pakistan) war es dann soweit. Eine Spezialeinheit der US-Navy flog in einem Hubschraubern zu dem Haus in der pakistanischen Stadt Abbottabad, die ungefähr eine Autostunde von der Hauptstadt Islamabad entfernt liegt, in welchem bin Laden seit geraumer Zeit wohnte.

Meldung über Osama bin Ladens Tod

Die Operation dauerte ca. 40 Minuten, ihr Verlauf ist aber noch nicht im Detail klar bekannt gegeben worden. In den letzten zwei Tagen äußerten sich verschiedene Regierungsvertreter teils widersprüchlich und manche Einzelheiten wurden präzisiert, abgeändert oder zurückgenommen - wie z.B. das bin Ladens Frau bei dem Einsatz erschossen worden sei. Als gesichert kann gelten, dass Osama bin Laden durch Kopfschüsse getötet wurde. Das Einsatzteam musste wegen einem “technischen Gebrechen” des ersten Hubschraubers mit einem anderen ausgeflogen werden.

Gilt die Operation als gezielte Tötung?

Laut Amtsrägern, die Reuters anonym zitiert, sei die Tötung bin Ladens das ausdrückliche Einsatzziel der Spezialkräfte gewesen. Zur Verwirrung des Ablaufs trägt bei, dass bekannt wurde, Osama bin Laden sei vor seiner Tötung noch von seiner Frau namentlich identifiziert worden. Demgegenüber stellte der Sicherheitsberater für Terrorismusbekämpfung John O. Brennan jedoch fest, dass der Operationsausgang offen gehalten wurde, es sich also um eine Mission zur Gefangennahme oder Tötung von Osama bin Laden handelte. Allerdings räumte er auch ein, man habe die Art und Weise der Beisetzung schon länger geplant und vorbereitet. Entsprechend wurde dann auch der Leichnam, dem sich die Spezialkräfte beim Abzug bemächtigt hatten, Berichten zufolge einige Stunden später, “in Übereinstimmung mit sunnitisch-islamischer Tradition” auf offener See bestattet - wobei nicht unumstritten ist, ob eine solche Seebestattung in diesem Fall wirklich in Einklang mit den gebräuchlichen islamischen Riten steht. In jedem Fall lässt diese Vorgehensweise darauf schließen, dass die US-Administration weder das Interesse hatte, bin Laden in einem Gerichtsverfahren zur Verantwortung zu ziehen, noch durch eine herkömmliche Beerdigung ein Denkmal für seine Anhänger zu schaffen. Es ging also darum, bin Laden zu eliminieren, salopp gesagt, ihn “auszuradieren”. Dieser Eindruck verstärkt sich nochmals durch die Bekanntgabe von Informationen über den Einsatz, wonach bin Laden, entgegen Brennans Aussagen vom Vortag, nicht bewaffnet gewesen sei.

Zur Frage, ob eine gezielte Tötung rechtlich gesehen in Ordnung ist, schreibt Marco Milanovic auf dem Blog des European Journal of International Law, dass es dafür durchaus eine legale - wenn auch nicht ganz zweifelsfreie - Grundlage gebe. Zahlreiche andere Artikel in US-Medien (z.B. Jeffrey Toobin auf The New Yorker und Joshua Keating auf Foreign Policy) vertreten eine allzu unkritische, fragwürdige Sichtweise, die suggeriert, dass wohl kaum jemand nicht über die Tötung bin Ladens erfreut sein könnte, und wegen allerlei denkbaren Schwierigkeiten eines etwaigen Gerichtsverfahrens das gezielte Attentat quasi eine Notwendigkeit gewesen sei.

Bin Laden ist weg, die Probleme bleiben

Überhaupt befindet sich die öffentliche Meinung in den USA, und deren Echo vor allem in den Boulevard-Tageszeitungen und den Nachrichtensendern im Fernsehen, momentan in einer beinahe ungetrübten Jubelstimmung.

[Update: Wie auch zum Teil in Europa. So bekundete etwa die deutsche Bundeskanzlerin Merkel, sie freue sich, dass es gelungen sei, bin Laden zu töten.]

Diese Reaktion, die Tötung eines Menschen - egal wie schrecklich seine Taten waren - zu feiern, wirkt einerseits schlicht grotesk, angesichts des nationalen Traumas von 9/11 aber auch ein wenig begreiflich; im Grunde ist sie aber zweifellos unangebracht. Denn die Frage, was man mit dem Tod Osama bin Ladens erreicht hat, wird dabei ausgeblendet. Die Antwort darauf fällt nämlich ernüchternd aus.

Jubel auf den Straßen nach Bekanntwerden des Todes bin Ladens

Der “war on terror” hat (vor allem) die USA in die längsten und teuersten Kriege ihrer Geschichte geführt. Ein völkerrechtswidrige Invasion im Irak wurde unter diesem Motto geführt, und in Afghanistan scheint man nach mittlerweile zehn Jahren im besten Fall immer noch auf der Stelle zu treten - wenn nicht sogar vielleicht die “Talibanisierung”  Pakistans und die Ausweitung der Kampfzone auf das pakistanisches Territorium alles noch schlimmer gemacht hat. Abertausende Zivilisten fielen und fallen den Militäroperationen zum Opfer. Die Geheimgefägnisse, das Gefängnislager Guantanamo Bay auf Kuba, die Legalisierung von Foltermethoden, die Militärtribunale und vieles mehr haben den USA mehr geschadet als genutzt. Nun scheint es, dass mit einem Male wieder das einfache Narrativ greift, dass dies alles enden würde, wenn man nur den “Kopf des Monsters” abschlägt.

Der Tod bin Ladens ist für Dschihadisten verkraftbar

Innenpolitisch war die Eliminierung bin Ladens ein gewisser Erfolg. Präsident Obama und sein Regierungsstab konnten sich als hemdsärmlige, verwegene Entscheider präsentieren. Manche Kommentatoren konstatieren in einer ersten überschwänglichen Stimmung diese Aktion als wichtigen Baustein für eine erfolgreiche Wiederwahlkandidatur Obamas im nächsten Jahr. Es wird sich zeigen, wie sehr Obama davon wirklich profitieren kann; jedenfalls veröffentlichte das Weiße Haus Aufnahmen aus dem Situation Room, in dem Präsident Obama und sein Stab mit ernster Miene die Mission per Videoübertragung verfolgten, und Obama kommentierte den Erfolg des Einsatzes mit nationaler Einheitsrhetorik.

Obama und sein Kabinett verfolgen den Einsatz der Spezialtruppen

Doch sicherheitspolitisch hat die Operation wenig gebracht. Obwohl Obama in seiner Ansprache meinte, die Welt sei nun ein Stück sicherer, schätzen viele Länder die Situation kurz- bis mittelfristig als gefährlicher ein und halten Terroranschläge in Reaktion auf die Tötung bin Ladens durchaus für möglich. Auch langfristig ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass sich aufgrund der Eliminierung bin Ladens die Bedrohungslage ändert.

Ende der 1980er Jahre hat Osama bin Laden maßgeblich dazu beigetragen, die im Laufe des afghanisch-sowjetischen Krieges geknüpften persönlichen Verbindungen und die angesammelten materiellen Ressourcen zusammenzuhalten und daraus ein Netzwerk für künftige dschihadistische Kämpfe zu schmieden. Verkürzt kann man sagen, dass dieses Netzwerk saudisches Geld (Osama bin Laden) mit ägyptischem Know-How (Ayman az-Zawahiri) vereinte. Entscheidend war bin Laden auch dafür, die USA (den “fernen Feind”) direkt ins Visier zu nehmen. Gruppen wie az-Zawahiris Tanzim al-Dschihad (auch bekannt als EIJ, Egyptian Islamic Jihad) waren zuvor immer regional ausgerichtet gewesen, mit dem Ziel, durch subversive Operationen ihre jeweiligen Regime in der Heimat zu stürzen. Bin Laden vertrat jedoch die Ansicht, dass ein solcher Kampf aussichtslos bleiben müsste, solange die USA ihre schützende Hand über diesen Regimes halten. Das alles kulminierte am 11. September 2001 in den Anschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon.

Die brennenden Worldtrade Center Türme am 11. September 2001

Allerdings kann 9/11 sowohl als größter Erfolg wie auch als Auslöser für den herbsten Rückschlag für das Dschihadisten-Netzwerk gelten. Denn es folgte die weitreichenden Zerschlagung der Infrastruktur und zur Tötung bzw. Gefangennahme von Funktionsträgern des Netzwerks um Osama bin Laden im Zuge der Inva­sion in Afgha­nis­tan durch NATO-Truppen. Seither haben sich bin Laden und der Rest der Führungsriege auf der Flucht befunden und es konnte kein sicherer Ort mehr gefunden werden, an dem sie Ausbildungslager betreiben und operativ-planend tätig hätten werden können. So ist die Bedeu­tung von bin Laden als Füh­rungs­fi­gur für den global ori­en­tier­ten sala­fis­ti­schen Dschi­ha­dis­mus immer weiter gesunken.

Als Symbolfigur hatte er natürlich nach wie vor eine gewisse charismatische Ausstrahlung, doch mit seiner Tötung wurde er nun endgültig für seine Gesinnungsgenossen zu einem Märtyrer (Schahid). Mit Sarkasmus hat deshalb etwa Robert Grenier in einem Kommentar auf Al Jazeera die Tötung bin Ladens als einen “guten Karriereschritt” bezeichnet. Doch, wie es zurecht auf SpiegelOnline heißt, “den globalen Terror planen längst andere”. Gerade auch Ayman az-Zawahiri, der oft als potentieller Nachfolger bin Ladens gehandelt wird, hat keine Chance sich längerfristig zu etablieren. Erstens findet ein Generationswechsel unter den Dschihadisten (vgl. z.B. Abu Yahya al-Libi, Anwar al-Awlaki) statt und zweitens hat sich die gesamte Konfliktlage verschoben. Als bin Laden und Zawahiri in den späten 1980er Jahren zusammengefunden haben, ist Ägypten das Land gewesen, aus dem die meisten erfahrenen Dschihadisten gekommen sind. Heute haben Konflikte in der Kaukasusregion, im Jemen oder am Horn von Afrika an Bedeutung gewonnen, während einst militante Gruppierungen (z.B. al-Gama’a al-Islamiyya) in Ägyten in den letzten Jahren der Gewalt abgeschworen haben. Was in den meisten Medien der Einfachheit halber “al-Qaida” genannt wird ist eben keine streng hierarchisch strukturierte Organisation, die man mit einem Enthauptungsschlag ausschalten könnte.

Osama bin Laden und Ayman az-Zawahiri

Was es in der Realität gibt, ist ein loses Netzwerk von verschiedenen Gruppierungen militanter salafistischer Dschihadisten, die eine doppelte Strategie der Bekämpfung des “nahen Feindes” (Regime in der jeweiligen Region) und des “fernen Feindes” (westliche Länder, insbesondere USA) verfolgen. Sie eint ein Meta-Narrativ eines kosmischen Kampfes zwischen Gut und Böse und das Ziel eines weltweiten Kalifats, es gibt aber auch einige ideologische Unterschiede (z.B. in der Frage des Takfir). Eine genaue Darstellung findet in diesem Rahmen keinen Platz, der Punkt, den es hier herauszustreichen gilt, ist allerdings, dass diese transnationale Bewegung den Verlust Osama bin Ladens kompensieren wird können.

Beziehungen zwischen USA und Pakistan auf neuem Tiefpunkt

Die Operation in Abbottabad - einem Einsatz, der klar die Souveränität Pakistans verletzte - führte außerdem zu einer neuerlichen Verschlechterung der pakistanisch-amerikanischen Beziehungen. Diese hatten zuletzt Anfang dieses Jahres, mit der Affäre um den CIA Mitarbeiter Raymond Davis, bereits einen neuen Tiefpunkt erreicht. Die USA drohten damit, die Hilfszahlungen an Pakistan zu stoppen, und gerade vor zwei Wochen beschuldigte der Chef des US-Militärs Mike Mullen öffentlich den pakistanischen Militärgeheimdienst ISI (Inter-Services Intelligence), Beziehungen zum Haqqani-Netzwerk zu unterhalten. Pakistan, hieß es, hätte daraufhin erwogen, die Lieferungen von Versorgungsmaterial an die US-Truppen in Afghanistan, das über die pakistanische Grenze transportiert wird, aufzuhalten.

Nun, nach dem Einsatz gegen bin Laden, äußerte Sicherheitsberater Brennan den Vorwurf, dass es in Pakistan eine Art Unterstützungssystem für bin Laden gegeben haben muss, und der neue CIA-Chef Leon Panetta sagte gegenüber dem Time Magazin, man habe die pakistanische Regierung bzw. Behörden nicht vor dem Einsatz informiert, da befürchtet wurde, bin Laden könnte vorgewarnt werden. Asif Ali Zardari, der Präsident Pakistans, betonte dagegen in einem Artikel in der Washington Post, dass sein Land möglicherweise das größte Opfer des Terrorismus sei, und obwohl die USA diese Operation alleine durchgeführt hätten, wäre ohne die langjährige Kooperation beider Länder die Elimination bin Ladens  nicht möglich gewesen.

Kooperation statt Konfrontation

Der Tod eines Mannes ist eben manchmal nur der Tod eines Mannes. Die weltpolitische Gemengelage ändert sich dadurch nicht maßgeblich. Doch auch die jahrelangen Kriege im Irak und in Afghanistan haben diese nicht wirklich zum positiven gewendet. Im Lichte dessen scheint tragisch-komischerweise der Weg, den einige arabische Länder diesen Frühling eingeschlagen haben, ein vielfach höheres Potential zu haben, sowohl die materielle wie die ideologische Grundlage des transnationalen salafistischen Dschihadismus zu unterminieren, als zehn Jahre Krieg und Terrorismusbekämpfungsstrategien. Weder eine kleine Spezialeinheit noch ein riesiges Heer wird uns substantiell unseren Zielen näher bringen. Kurzfristig mögen militärische und polizeiliche Maßnahmen den Schein vermitteln, Lösungen an die Hand zu geben, aber mittel- und langfristig wird nur die politische und wirtschaftliche Kooperation auf Augenhöhe eine friedlichere Zukunft ermöglichen.