So widersprüchlich wie zur Zeit noch die Angaben über den genauen Verlauf des US-Spezialkommandoeinsatzes gegen Osama bin Laden sind, so unklar ist die Rolle Pakistans in dieser Angelegenheit. Hinter der zur Schau gestellten scheinbaren Unwissenheit der Regierung in Islamabad könnte jedoch eine gezielte Strategie stecken. Zumindest aber kommt der Tod bin Ladens für Pakistan, wie für die USA, zu einem günstigen Zeitpunkt.

Kritik an Pakistan

Nach der Kommandooperation, bei der Osama bin Laden durch eine US-Spezialeinheit getötet wurde, gerät nun Pakistan ins Kreuzfeuer der Kritik. Der Schauplatz der Aktion, die Kleinstadt Abbottabad, liegt unweit der pakistanischen Hauptstadt Islamabad, und in der unmittelbarer Nähe des Hauses, in dem bin Laden aufgespürt wurde, befindet sich eine Ausbildungsakademie des pakistanischen Militärs.

Satellitenbild von bin Ladens Haus in Pakistan

Daher kommen Zweifel darüber auf, dass Pakistan nichts vom Aufenthaltsort bin Ladens gewusst haben will. Der Sicherheitsberater Obamas für Terrorismusbekämpfung John O. Brennan sprach in einer ersten Pressekonferenz deshalb auch von einem möglichen “Unterstützungssystem” in Pakistan, das bin Laden geholfen hätte, sich so lange zu verstecken.

Die pakistanische Regierung wiederum verwehrt sich gegen solche Vorwürfe und schiebt den schwarzen Peter dem amerikanischen Geheimdienst CIA zu. Sie habe diesen bereits 2009 über die Möglichkeit, dass bin Laden sich in Abbottabad aufhalten könnte, informiert. Dies sei aber nur eine von “Millionen” anderen Spuren gewesen und daher treffe Pakistan nicht mehr Schuld als die USA, diesen Hinweisen nicht bis zum Ende nachgegangen zu sein.

Indessen kündigte der pakistanische Außenminister Salman Bashir an, eine Wiederholung einer solchen Aktion wie die der USA vom 2. Mai würde “desaströse Konsequenzen” nach sich ziehen und niemand brauche daran zu Zweifeln, ob Pakistan die nötigen Kapazitäten zur eigenen Verteidigung hätte. Die Regierung Obama hält dagegen und lässt ausrichten, dass sie sich ungeachtet dessen weitere Schläge gegen Terroristen auf pakistanischem Territorium vorbehält.

Der Tod Osama bin Ladens kommt gelegen

Hinter diesem öffentlichen Schlagabtausch vermuten manche Journalisten eine stillschweigende Zusammenarbeit beider Länder. Sie meinen, Pakistan habe bin Laden “geopfert”, um den USA das Ende des Afghanistankrieges zu erleichtern. Doch habe die pakistanische Regierung (bzw. Militär oder ISI? - Pakistan ist diesbezüglich intern nicht unbedingt immer als einheitlicher Akteur zu sehen) die Aktion nicht selbst durchführen oder die Beteiligung daran zugeben können, um nicht die Islamisten im eigenen Land gegen sich selbst aufzubringen. Diese Vermutung ist nicht belegt, sie entbehrt freilich aufgrund der gemeinsamen Interessenlage der USA und Pakistan nicht einer gewissen Plausibilität.

[Update: Der Guardian berichtet über ein geheimes Abkommen zwischen den USA und Pakistan, das vor zehn Jahren, damals unter George W. Bush und Pervez Musharraf, geschlossen worden sei. Nach den Aussagen von anonym zitierten Beamten beider Länder soll Pakistan den USA darin zugestanden haben, eigenmächtig nach Osama bin Laden und Ayman az-Zawahiri innerhalb Pakistans zu suchen und gegen sie vorzugehen, und dass Pakistan jedoch im Falle eines Erfolgs offiziell protestieren und jede Beteiligung abstreiten werden würde. Das Abkommen sei 2008 verlängert worden.]

Sowohl Pakistan als auch die USA haben ein Interesse daran, den Krieg in der Region zu beenden. Mit der Tötung bin Ladens können die USA zumindest symbolisch argumentieren, die Kriegsziele erfüllt zu haben, dem für 2014 anvisierten Abzug der Truppen somit endgültig den Weg zu ebnen und einen sehr langen, immens teuren und ziemlich aussichtslosen Krieg zu beenden.

Pakistan dagegen sieht seine Souveränität immer weiter beschnitten, seit unter der Präsidentschaft Obamas die ferngesteuerten Drohnenangriffe gegen militante Islamisten auf pakistanischem Territorium um ein Vielfaches intensiviert wurden (vgl. die Karte weiter unten). Doch es ist ein offenes Geheimnis, dass Pakistan verschiedene Faktionen der Taliban unterstützt. Dadurch soll der Einfluss auf Afghanistan gewahrt werden, das sie in der pakistanischen Sicherheitsdoktrin als strategischer Rückzugsraum gegenüber dem Erzrivalen Indien betrachtet wird. Folglich käme ein baldiger Abzug der USA und der restlichen NATO-Truppen auch für Pakistan sehr gelegen.

Souveränität nicht um jeden Preis

Wenn die offizielle Behauptung stimmt, dass Pakistan rein gar nichts von der Aktion gewusst hat, dann könnte die ganze Sache auch als ein “Schuss vor den Bug” für Pakistan gesehen werden. Neben der Tatsache, dass man bin Laden nach über einem Jahrzehnt zur Strecke gebracht hat, wäre die Art und Weise der Operation - ohne Kenntnis und Zustimmung Pakistans - ein Signal, um Pakistan zu vermitteln, dass selbst nach einem Abzug der Kampftruppen aus Afghanistan immer noch mit Drohnen und kleinen Kommandotrupps - ungeachtet irgendwelcher territorialer Souveränitätsansprüche - gegen Ziele vorgegangen werden könnte, und Pakistan daher besser beraten wäre, die Unterstützung militanter Islamisten-Gruppen aufzugeben.

Es bleibt abzuwarten, wie sich die Beziehungen zwischen den USA und Pakistan in Folge der Tötung Osama bin Ladens in nächster Zeit gestalten werden. Doch die Umstände dieser Angelegenheit machen klar, dass es eben nicht so sehr um al-Qaida oder bin Laden selbst geht, sondern um die Weiterentwicklung der Sicherheitsarchitektur im südasiatischen Raum.

Zum Überblick eine Karte der Drohnenangriffe in der Grenzregion ziwschen Pakistan und Afghanistan seit dem Jahr 2004:

Zum Schluß noch einen Link zu einer aktuellen Dokumentation von PBS über die Situation in Pakistan.