In einem Kommentar in DIE ZEIT hat Thea Dorn Thilo Sarrazin - inhaltlich nicht unbedingt zustimmend aber formal - zum beispielhaften Kämpfer gegen das langweilige Politikestablishment erhoben, um damit gegen die zu protestieren, die ihrer Meinung nach “Freundlichkeit, Behutsamkeit, auch im sprachlichen Miteinander” als “Mäntelchen (…), mit dem die eigene Orientierungslosigkeit kaschiert wird” gebrauchen, und es jenen streitbaren Polemikern verunmöglichen würden, jemals ein gewichtiges Amt im Staate zu bekleiden. Ich möchte anhand einiger Zitate eine Kritik an ihrer Position, die sie im Kommentar in DIE ZEIT dargelegt hat, formulieren und im Anschluss ihre eigenen Aussagen in einem früheren Essay im SPIEGEL gegenüberstellen, die meines Erachtens, ihre eigenen Aussagen ad absurdum führen.

Die Sehnsucht nach kernigen, unangepassten Figuren, die sagen, was sie meinen. Und meinen, was sie sagen.

Wohl eher die Sehnsucht nach denen, die mit Polemik gegen die, die “eigentlich” an den neuen prekären Verhältnissen schuld seien (=Minderheiten), die - in meinem Verständnis - wichtigeren Problemfelder “zudecken”. Vertreter von z.b. Attac äußern und veröffentlichen seit Jahren “unkonventionelle” Ideen; aber das sind dann “Spinner” oder “Sozialromantiker”. Es ist halt doch leichter jemandem das Tragen eines Stückes Stoff zu verbieten, als darüber nachzudenken, wie man Finanzspielplätze und ähnliches regulieren könnte.

Der Beifall, den Thilo Sarrazin erhält, ist in erster Linie ein Aufschrei derjenigen, die den verlogenen Kuschelsound [Anm. Stichwort: Zuwanderung sei eine Bereicherung] nicht mehr ertragen.

Hätten “wir” uns in den nördlichen Industriestaaten nicht “bereichern” wollen, in dem wir massenweise billige Gastarbeiter in die Länder holen, dann gäbe es ja das Problem der “ungebildeten Ausländer, die unserer ganze Gesellschaft hinunter ziehen” gar nicht.

Politiker, an denen man sich stoßen, reiben kann, die man tief liebt oder aus ganzer Seele hasst, sind von der Bühne verschwunden.

Das muss doch lange kein Zeichen des Verfalls sein, wie es hier implizit mitschwingt. Eine Parteienlandschaft spiegelt doch in gewisser Weise die (zivil-)gesellschaftlichen Verhältnisse wider. Größere Bruchlinien werden früher oder später auch im politischen Feld abgebildet. Heute geht es also wohl “noch” darum, die unentschlossene Mitte der Bevölkerung (oder: potenzielle Wechselwähler) zu umwerben. Immer dann, wenn es Politiker gibt, die man entweder liebt oder hasst, dann dreschen auch bald auf der Straße  die “Liebenden” auf die “Hassenden” und vice versa ein. Das erinnert sehr stark an Carl Schmitt, der das originär Politische ausschließlich in der kategorischen Unterscheidung von Freund und Feind identifizierte. Komischerweise schreibt Thea Dorn in einem älteren Artikel im Spiegel über das, “Was hinter der Katastrophenrhetorik steckt”:

Doch Sieburg spottet nicht nur, er bietet auch eine Erklärung an für “die Lust am Untergang”, die er als Lebensgefühl selbst in der aufstrebenden Wirtschaftswunder-Bundesrepublik allenthalben diagnostiziert: “Der Alltag der Demokratie mit seinen tristen Problemen ist langweilig, aber die bevorstehenden Katastrophen sind hochinteressant (…) Wenn wir schon mit unserem Dasein nichts Rechtes mehr anzufangen wissen, dann wollen wir wenigstens am Ende einer weltgeschichtlichen Periode stehen. Richtig zu leben ist schwer, aber zum Untergang reicht es allemal.”

Wenn das nicht haargenau zu Sarrazin und Deutschland schafft sich ab passt. Und weiter:

Krisen machen das Leben auf unspektakuläre Weise anstrengend, weil sie die mühsame, sorgfältige Kleinarbeit der Nachbesserung und Feinjustierung erfordern. Katastrophen hingegen sind Zeiten der großen Geste. Die Katastrophe rüttelt das saturierte Individuum auf. Und gleichzeitig erlaubt sie ihm, sich zum Retter aufzuschwingen.

“Zeiten der großen Gesten”, aha! Also für Politiker, die man entweder hasst oder liebt?  Und noch ein letztes Zitat:

Steckt in dem Ekel, den unsere Apokalyptiker angesichts des alltäglichen Lebens offenbar empfinden, nicht doch etwas Lebensfeindliches, dem Freudschen Todestrieb Verwandtes?

Und so lässt Frau Dorn in dem vorliegenden Kommentar den guten alten Mechanismus der Verdrängung an ihr selbst das seinige tun.