In Österreich hat sie wohl mittlerweile jede/jeder gesehen: die wutbürgerliche Tirade Roland Düringers am Ende des letzten Donnerstalks (8.12.2011).

Das Echo in der Socialmediawelt ist seither enorm. Kein Tag verging, ohne den Link zum Youtube-Video einige Male auf der Facebook-Wall und/oder im Twitter-Feed mit akklamierenden Kommentaren präsentiert zu bekommen.

Gestern erschien dann ein ausführliches Interview im Standard mit nebenstehendem Volltext der Ansprache. Darin äußerte sich Düringer allerdings etwas “gemäßigter”, um nicht widersprüchlich zu sagen:

Standard: Ihre Rede als wütender Bürger (…) Wie ernst war denn Ihre Rede gemeint?
Düringer: Eigentlich habe ich das schon ernst gemeint.
(…)
Standard: Wie wütend sind Sie?
Düringer: Ich bin eigentlich nicht wirklich wütend.

Nun will ich Düringer nicht absprechen, sich von den gegenwärtigen Krisenerscheinungen dazu gedrängt zu fühlen, etwas darüber zu sagen. Aber seine Kritik bleibt - auch im Interview - doch sehr oberflächlich:

Uns wird ständig eingeredet, wir brauchen dieses Auto, dieses Haus, diesen Fernseher, diesen Urlaub.

Neben der Kritik ad hominem, dass ich dieses Argument einem bekennenden, eingefleischten Autoliebhaber nicht wirklich abkaufe, liegt die Ursache der Krise wohl um einiges tiefer an der Basis des demokratisch-kapitalistischen Allokationsmechanismus als im Phänomen des Konsumerismus, der hier von Düringer ob seiner übertriebenen Begehrlichkeiten nach Luxusgütern gescholten wird. Ob das neueste soundsoviel Zoll breite Flatscreen-TV-Gerät wirklich lebensnotwendig ist, darüber kann man natürlich streiten, aber möglicherweise ließe sich behaupten, dass ein Haus(! - manchen wäre eine Eigentumswohnung wohl auch schon genug) eventuell doch zu den berechtigt-maßvollen Zielen des erwerbsmäßigen Teils der menschlichen Existenz gehören könnte.

Die Parodie der Satire

Der Auftritt Düringers erinnert mich stark an Howard Beales (Peter Finch) “I am as mad as hell and I am not going to take this anymore”-Rede in Sidney Lumets Film Network aus dem Jahr 1976, in dessen Handlung diese Wutäußerung allerdings den Anstoß einer äußerst amüsanten Schilderung der skurrilen Funktionsdynamik von Massenmedien (zwischen Redakteuren, Geschäftsführung und Rezipienten) gibt.

Abgesehen vom durchgängigen Thema “aufgestaute Wut” und der sich im Laufe der Ansprachen steigernden Rage gibt es einige weitere Ähnlichkeiten. Im Film heißt es beispielsweise:

You’ve got to say: ‘I’m a human being, goddamn it! My live has value!’

Bei Düringer klingt das dann so:

In Wirklichkeit sind wir freie Individuen, mit einem Geist und mit einer Seele. Und wir sind wirklich sehr, sehr wütend!

Beiden Monologen ist darüber hinaus ein tief sitzendes Zuwider-sein gemeinsam, das sich äußert in der Sammelklage über den den Verlust der eigentlichen menschlichen Würde und dessen vermeintliches, tatsächlich aber unzulängliches Remedium des Massenartikelkonsumerismus; den Reformstau, der wahlweise - wohlwollend verstanden - der Unfähigkeit von Politikern oder - übelwollend verstanden - ursächlich einer allgemeinen Korruption entspringt;  etc. Satire und Wirklichkeit weichen dann aber doch in der weiteren Wirkungsgeschichte auseinander. In Network wird der etwas durchgeknallte Moderator Beale von der aufstrebenden Produzentin Diana Christensen (Faye Dunaway) zur messianischen Hauptfigur in einer die Entrüstung der Bürger aggregierenden und diese selbst vor den Flimmerkisten versammelnden Fernsehshow aufgebaut.

So weit kommt es freilich in der Wirklichkeit dann doch nicht. Die an Düringer in einem Interview auf ORF.at herangetragene Frage, welche konkreten Maßnahmen gegen die Systemtrottelei ergriffen werden könnten, bezeichnet er sich selbst als ein “klassisches Beispiel” eines ebensolchen. Zwischen den Zeilen bietet er jedoch statt eines einigenden, sozialrevolutionären Konzepts nur die Ansätze eines bloß tendenziell autarken Individual-Eskapismus: Bein operieren, ja, wegen Schnupfen zum Arzt, nein; dazu noch ein bisschen selbst gezogenes Gemüse auf dem Teller. Alles in allem muss laut Düringer der “Ernst” seiner Rede ohnehin relativ verstanden werden, es handelte sich schließlich um “eine satirische TV-Sendung, Unterhaltungsfernsehen sozusagen”.

Der Applaus für die modernen Hofnarren

Meine Intention für diese Kritik soll aber nicht missverstanden werden als eine persönliche Abneigung gegenüber einem einzelnen Kabarettisten, die in einem anlassbezogenen Kommentar versteckt werden soll. Es geht mir darum, anhand dieses Beispiels ein allgemeines Problem des politischen Kabaretts an sich zu verdeutlichen: die Frage, inwiefern politisches Kabarett eine aufklärende Funktion hat. Das heißt, ob Menschen durch die satirische Aufdeckung von politisch-gesellschaftlichen Missständen zu konkreten Handlungen gebracht werden oder politisches Kabarett doch eher eine Ventilfunktion erfüllt. Der politische Kabarettist ist möglicherweise der moderne Hofnarr, der die Dinge beim Namen nennen darf, aber dessen Kritik im Applaus des Publikums verpufft und gesellschaftlich folgenlos bleibt, wenn nicht sogar stabilisierend wirkt. Als Gewährsmann dient mir der deutsche Kabarettist Georg Schramm, der in der Dokumentation  Kabarett, Kabarett (2010) von Josef Rödl meint:

Du musst doch nur einen Schritt auf die Seite machen und kannst sagen, dass politisches Kabarett eine Gesellschaft stabilisiert. Das ist doch logisch. Der Unmut, den die Leute mit sich rum tragen, wird artikuliert, sie hören, andere regt das auch auf, wir haben mal wieder drüber gerdet, war aber wieder schön, dass wir uns drüber aufgeregt haben.

Er scheint sich dieser prinzipiellen Problematik bewusst zu sein und sie in seine Arbeit - hier bezogen auf Rolle des fiktiven Revolutionsrentners Lothar Dombrowski - einfließen zu lassen:

Ich steigere mich immer tiefer in die Rolle rein und das kriegt dann - unter Umständen - weniger Komik, aber Unterhaltungswert, weil die Leute zugucken können, wie sich jemand um Kopf und Kragen redet und verzweifelt an dem, was er erzählt - selber -, weil er’s nicht mehr erträgt und genau weiß, es ist völlig sinnlos, es zu sagen.

Im politischen Kabarett muss immer noch die “Bühne” im Blick bleiben, der reflexive Hintergrund, dass hinter dem Gesagten die Absurdität steckt, manche Wahrheiten in der Öffentlichkeit nur noch als Witze präsentieren zu können. Ich bin mir nicht sicher, ob dieser Zusammenhang bei Düringers Auftritt erkennbar bleibt. Oder kommt hier jemand mit einem - eben doch nur gespielten - Ernst daher, der die eigentliche Witzhaftigkeit verbirgt und damit nicht mehr auf die Realität in der vom politischen Kabarett leistbaren Weise verweist, sondern selbst zur Politik wird, was das Vermögen politischen Kabaretts aber überfordert. Schramm kommt in Hinsicht darauf zur ernüchternden Einsicht:

Es geht doch keine echte Gefahr von uns aus, wenn wir solches (politisches) Kabarett machen; überhaupt nicht, im Gegenteil! Die (Politiker) sollen doch froh sein, dass wir’s machen. Aber an dem Tag, an dem sie sich bei uns bedanken würden, dass wär’ das absolute Todesurteil.

Deshalb denke ich, man sollte nicht rufen: “Super Düringer! Endlich sagt mal jemand, wie’s ist”, sondern nüchtern feststellen, dass es nur mehr unsere Hofnarren sind, die - mehr oder weniger gelungen - die Negativität des Bestehenden wie auch der bisherigen Alternativen behandeln. Alles zum Zweck, uns durch die Darbietung der menschlichen Unzulänglichkeiten mit einem Augenzwinkern zur Aufgabe der mühsamen Suche nach Lösungen für eine komplexe Welt zurückzuschicken.