Ist die Angst vorm leeren Blatt erst einmal überwunden, genügt es nicht immer, einfach drauflos zu schreiben. Für Einträge ins Tagebuch mag das nicht gelten, doch je mehr Recherchematerial in einen Text einfließen soll, desto wichtiger wird der richtige Umgang mit dem selbigen.

Wer schon einmal eine längere Arbeit zu einem Thema verfasst hat, der weiß, dass es schon mal recht vertrackt werden kann, die im Laufe der Recherche entdeckten Informationen nicht wieder im ständig am Rande des Chaos befindlichen Arbeitsfluss untergehen zu lassen. Während man sich bei kürzeren Texten noch einigermaßen auf das eigene Gedächtnis verlassen kann, kommt man bei Projekten mit mehr Arbeitsvolumen nicht mehr umhin, das gesammelte Recherchematerial irgendwie zu systematisieren. Eine Art, wie man dies bewerkstelligen kann, bietet der sogenannte Zettelkasten.

Stellen wir uns einen Schreibtisch vor, auf dem ungeordnet Ausdrucke, Notizzettel, Bücher etc. liegen. Gemeinhin könnte man das Problem der Ordnung von Informationen etwa so angehen: einfach alles nach nach einem bestimmten Kriterium sortieren, wie z.B. alphabetisch oder chronologisch. Doch bald ließe sich die Unzulänglichkeit eines solchen simplen Ordnungsschemas erkennen. Man müsste sich genau merken, welche Information zu welchem Gedanken, Gliederungspunkt oder was auch immer gehört. Da war doch das “kreative Chaos” von vorher noch um einiges besser. Gut, ordnet man die Information eben nach Themenfeldern. Aber auch in diesem Fall wird sich nach kurzer Zeit herausstellen, dass wir schnell an die Grenzen dessen stoßen, was unserer Ordnungsprinzip zu leisten vermag. Denn was macht man, wenn eine Information zu mehreren Themenfeldern zugeordnet werden müsste?

Was nun? “Heureka!”, denkt sich unsereins und  beschließt, die Frage der Richtigen Sortierung mit Hilfe eines Registers zu lösen. Jede Einzelinformation wird über eine Identifikationsnummer den jeweiligen Kategorien - der Verschlagwortung - in einem Register zugewiesen. Wie die  einzelnen Informationen nun abgelegt werden ist im Prinzip unerheblich, solange man  sie anhand der im Register verzeichneten Nummerierung  wiederfindet.

In den Zeiten vor der digitalen Revolution  war das am besten unter Zuhilfenahme eines  sogenannten Zettelkastens umzusetzen; dabei werden  die jeweiligen Informationen auf Karteikarten übertragen und in einen Karteikasten eingepflegt. Die Suche findet danach über das erstellte Register statt, das es wie gesagt erlaubt einzelne Einträge des Zettelkastens mit mehreren Schlagwörtern im Register zu verknüpfen. Eines solchen Verfahrens haben sich bekanntermaßen Köpfe wie der Soziologe Niklas Luhmann und der Schriftsteller Arno Schmidt bedient. Der Vorteil gegenüber anderen Arten Informationen zu ordnen liegt bei einem Zettelkasten darin, dass ein wirkliches Informationssystem entsteht.

Ein klassischer Zettelkasten aus Holz

Besonders der Soziologe Niklas Luhmann ist unter den bekannten Zettelkastenbenützern hervorzuheben, da er als Systemtheoretiker einen besonderen Blickwinkel gegenüber seinem liebsten wissenschaftlichen Instrument einnahm. Über das Ordnungsprinzip eines Zettelkastens meinte er:

Die Gesamtheit der Notizen läßt sich nur als Unordnung beschreiben, immerhin aber als Unordnung mit nichtbeliebiger interner Struktur. […] Es ist mit dieser Technik gewährleistet, daß die Ordnung, sie ist ja nur formal, nicht zur Fessel wird, sondern sich der Gedankenentwicklung anpaßt. […] Jede Notiz ist nur ein Element, das seine Qualität erst aus dem Netz der Verweisungen und Rückverweisungen im System erhält.1

Das ist klar und rational ausgedrückt, wie ein Zettelkasten funktioniert. Ein Augenzwinkern läßt sich allerdings bei den Anmerkungen Luhmanns - eines Soziologen, dem oft vorgeworfen wurde, die Rolle des Einzelmenschen in seiner Gesellschaftstheorie unzulässig ausgeblendet zu haben - zum, sozusagen, “Verhalten” seines anthropomorphen  Zettelkastens nicht vermeiden:

Als Ergebnis längerer Arbeit mit dieser Technik entsteht eine Art Zweitgedächtnis, ein Alter ego, mit dem man laufend kommunizieren kann. (…) Will man einen Kommunikationspartner aufziehen, ist es gut, ihn von vornherein mit Selbständigkeit auszustatten. (…) Natürlich setzt Selbständigkeit ein Mindestmaß an Eigenkomplexität voraus. Der Zettelkasten braucht einige Jahre, um genügend kritische Masse zu gewinnen. Bis dahin arbeitet er nur als Behälter, aus dem man das herausholt, was man hineingetan hat. (…) [Später] gibt [der Zettelkasten] aus gegebenen Anlässen kombinatorische Möglichkeiten her, die so nie geplant, nie vorgedacht, nie konzipiert worden waren.2

Ich kann aus eigener Erfahrung bestätigen, dass man nach einigen Einträgen und einiger Zeit von den Ergebnissen der Verweise - oder: der Kommunikation mit seinem eigenen ausgelagerten Zweitgedächtnis - überrascht ist. Anfangs wirkt es mühsam, die kleinen Informationsfetzen in das System einzuarbeiten, da man sich eine solche überschaubare Masse an Gedanken noch leicht merken kann. Nach und nach ändert sich das aber und dann ergeben sich wirklich interessante Verweisungen.

Selbstverständlich muss man sich heutzutage nicht mehr mit Zetteln aus Papier und Kästen aus Holz herumschlagen. Dieser Tage wird das Zweitgedächtnis auf der Festplatte des Computers abgespeichert - die personifizierte Maschine schlechthin. Es ließe sich einerseits mit einer herkömmlichen Datenbanksoftware ein digitaler Zettelkasten basteln. Andererseits ist es für Leute wie mich, die auf dem Gebiet der Informatik nicht so sehr bewandert sind, einfacher, auf ein fertiges Softwareprodukt zurückzugreifen. Neben Programmen wie z.B. “Synapsen” möchte ich speziell auf das ausgezeichnete Freeware-Programm “Zettelkasten” von Daniel Lüdecke - dem ich an dieser Stelle herzlich für diese Software danken möchte, die er seit Jahren weiterentwickelt und hervorragend dokumentiert hat und ohne die ich meine Diplomarbeit wahrscheinlich niemals schreiben hätte können - verweisen.

Screenshot des Software-Zettelkastens von Daniel Lüdecke

Ich hoffe Eure Schreibarbeiten profitieren davon und schimpft nicht mit Eurem Zettelkasten, wenn er die falsche Antwort gibt; wahrscheinlich habt Ihr ihm nur die falsche Frage gestellt.

PS. Bitte nicht verwundert sein, wenn sich auch bei intensivster Nutzung eines Zettelkastens das “kreative Chaos” auf dem Schreibtisch partout nicht auflösen will. Das war auch bei Niklas Luhmann nicht anders:

Update: Die Universität Bielefeld, an der Niklas Luhmann bis zu seiner Emeritierung tätig war, hat kürzlich ein spannendes Video veröffentlicht, das einige Aspekte und Kuriositäten Luhmanns Arbeit mit seinem Zettelkasten beleutchtet:

  1. Luhmann, Niklas (1992). “Kommunikation mit Zettelkästen: Ein Erfahrungsbericht”. In: André Kieserling (Hg.). Niklas Luhmann: Universität als Milieu, Kleine Schriften. Bielefeld: Haux, S. 57 f.

  2. Ebd., S. 57-60.